Barack Obama in Berlin- ein Bericht von Helmut Kynast
Barack Obama in Berlin
Wahlrede oder Botschaft?
Oktober 1960. Ich war müde und etwas angesäuselt. Nach der Abendschule hatte ich mir auf dem Fährschiff von den St. Pauli Landungsbrücken nach Finkenwerder ein Bier genehmigt und zu Hause den Fernseher eingeschaltet, um mir den letzten Kick für die Falle zu holen. Doch daraus wurde nichts. Auf der Mattscheibe – natürlich schwarz–weiß – erschienen zwei Amerikaner, beide hinter einem Rednerpult. Der eine wirkte wie eine graue Maus, etwas hutzelig, der andere in dunklem Anzug, jung, gut aussehend und von bestechender Beredsamkeit. Es handelte sich um eine Premiere. Denn die Präsidentschaftswahlen in den USA sollten zum ersten Mal in öffentlicher Debatte entschieden werden. Angekündigt wurden zwei Folgen eines Duells, das Geschichte schreiben und in Europa oft mehr schlecht als recht kopiert werden sollte.
Was der Herr im dunklen Anzug, Senator Kennedy aus Massachusetts, zu sagen hatte, vertrieb mir die Müdigkeit. Zum ersten Mal räumte ein Amerikaner die Defizite seines Landes ein, geißelte die Armut von Millionen von Amerikanern, kritisierte die technische Rückständigkeit der USA, die ihren „Sputnik – Schock“ immer noch nicht überwunden hatten. Vor allem aber: Er bot keine wohlklingenden Lösungen an, sondern benannte Tatsachen und forderte Opfer, nicht nur von den Amerikanern, sondern auch von den Europäern, um der sowjetischen Herausforderung im Kalten Krieg zu begegnen. Seine Losung: „New Frontier“, neue Grenzen, sein Gegenüber, Vizepräsident der Vereinigten Staaten, konnte nur reagieren. Daran sollte sich in den kommenden Wochen nichts ändern. Die Ergebnisse sind bekannt.
Juli 2008. Ich war mir nicht schlüssig. Was sollte ich anziehen, wann losgehen? Denn es war sonnig und warm, und es würde voll werden. Weniger, weil alle Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen die Rede des Senators aus Illinois angekündigt und über die kleinliche Lamentiererei bestimmter Politiker berichtet hatten, sondern weil viele Berliner über das bevorstehende Ereignis sprachen. Gehst du hin? Ja, ich bin gespannt.
Also machte ich mich auf den Weg, im Laufdress und Teashirt, mit Rucksack, Trinkflasche, Handtuch und Ersatzhemd, wie zu einem Marathon. Über die Schlüter- und Bismarck- ging´s zur Straße des 17. Juni. Am Tiergarten hatte die Polizei die Zufahrt zum Großen Stern abgesperrt, allerdings nur für Autos, nicht für Fußgänger. Davon gab es schon jetzt viele – mehr als zwei Stunden vor Redebeginn. Doch kurz vor der „Goldelse“ war auch für uns Schluss; wir mussten herum um das Bundespräsidialamt und das Schloß Bellevue, am Spreeufer entlang zum Spreeweg. Dort wurden hunderte von Journalisten und Fernsehteams gefilzt. Unser „Checkpoint“ befand sich auf der Straße des 17. Juni, so ziemlich in der Mitte zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule.
Am Spreeweg kam ich mit einem Amerikaner ins Gespräch. Er entschuldigte sich, in den drei Jahren seiner Tätigkeit in Berlin und Hamburg nur unvollkommen deutsch gelernt zu haben. Sei nicht nötig gewesen, denn viele hier sprächen weit besser englisch als er jemals deutsch hätte lernen können. Und noch eine zweite Entschuldigung wollte er unbedingt anbringen: Für ihn und viele Amerikaner gehe es darum, endlich wieder einen Präsidenten zu haben, der ihnen die Sorge vor unkalkulierbaren Risiken nehme und auf den sie wieder stolz sein könnten.
Leider verloren wir uns im Gedränge „unseres“ Checkpoints. Wohin ich blickte, nur junge Menschen. Träumte ich, der ich mich als Fossil in diese Gemeinschaft der Hoffnung und des Aufbruchs anscheinend verlaufen hatte? Platzangst und Gänsehaut auf dem Rücken wechselten einander ab. Endlich war ich dran, meinen Rucksack auszukrempeln und mit erhobenen Händen durch die elektronische Tür zu gehen. Dann war ich „on Spot“.
Vorn links spielte eine Band, Modern Rock, wie man mir sagte, ich verstehe davon nichts, aber nach jedem Titel, der angekündigt wurde, Jubel, erhobene Hände und rhytmisches Klatschen. Rechts – zwischen Roon und Moltke - die Pressetribüne mit ihren gefährlich anmutenden Geschützen der Berichterstattung, auf dem Vorsprung in der Mitte ein Rednerpult mit zwei Mikros. Das musste ich im Auge behalten, wollte ich Obama leibhaftig sehen. Nicht ganz einfach, eineinhalb Stunden vor dem angekündigten Beginn der Rede.
Ich blieb in Bewegung, allmählich meine Trinkflasche leerend und das Pult immer wieder in den Blick nehmend. So ging das noch fast zwei Stunden in einem sich verengenden Auslauf. Zwischendurch sprach mich ein junger Mann an. Er sei Journalist aus Brüssel, warum ich hier sei. Aus Hoffnung sagte ich, Hoffnung und Neugier auf „Change“.
Doch die wurde auf eine lange Probe gestellt. Denn der Kandidat ließ auf sich warten, und die Band spielte unverdrossen weiter. Endlich – gegen viertel nach sieben – hörte sie auf, kurz darauf anschwellender Beifall, der sich in Richtung des Brandenburger Tores über die Absperrung fortsetzte, denn viele Menschen hatten den Checkpoint nicht überwinden können.
Er war da, ging lachend und winkend auf das Rednerpult zu. Dann sein Bariton: „Thank you all“, immer wieder, denn die Begeisterung schien kein Ende zu nehmen.
„Ich spreche heute zu Ihnen nicht als Kandidat, sondern als stolzer Bürger der USA, und als Weltbürger“. Er sprach englisch, er blieb dabei, ließ keine Übersetzung zu, die Menschen verstanden ihn dennoch, wie ihre Reaktionen zeigten. Er erzählte von seinem Vater, einem Hirten aus Kenia. Der hatte – mitten im Kalten Krieg - das Freiheitsversprechen des Westens beim Wort genommen. Nach großen Mühen war es ihm gelungen, in die USA zu kommen. „Deshalb bin ich hier. Auch Sie hier in Berlin wissen, was solche Sehnsucht bedeutet. Diese Stadt, mehr als andere Städte, weiß, was der Traum von Freiheit ist. Es gibt nur einen einzigen Grund, dass wir heute hier stehen: Männer und Frauen unserer Länder standen zusammen und kämpften für ein besseres Leben.“
Das traf. Vor 60 Jahren habe unsere Partnerschaft begonnen, „als die erste Maschine der Luftbrücke in Tempelhof landete. Die Trümmer des letzten Krieges waren noch nicht zur Mauer geworden, aber im Juni 1948 hatten die Russen die Zugänge nach West-Berlin blockiert. Sie wollten die Flamme der Freiheit auslöschen. Ein neuer Weltkrieg lag in der Luft. In dieser dunkelsten Stunde weigerten sich die Berliner, aufzugeben.“
Fürwahr, ein Name steht für diesen Freiheitswillen: der Ernst Reuters. „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt nicht preisgeben könnt, nicht preisgeben dürft.“ Wer von uns Älteren erinnert sich nicht an diese Worte vor der Ruine des Reichstags, die Obama zitierte. Ich war damals zwölf Jahre alt, lebte mit meinen Eltern in Finkenwerder bei Hamburg. Für uns hatte gerade ein besseres Leben begonnen: mit der Währungsreform. Doch gerade sie war für die Sowjets der Anlaß gewesen für ein Verbrechen, das drei Jahre nach dem Hitler – Krieg nicht mehr für möglich gehalten worden war: Eine ganze Stadt sollte ausgehungert, Freiheit und Leben ihrer Bewohner vernichtet werden.
Doch die Geschichte – so der Senator – bewies: „Kein Berg ist zu hoch für eine Welt, die zusammensteht und deren Partner einander vertrauen.“ Ich dachte an Kennedy und an seine Rede vor dem Schöneberger Rathaus im Juni 1963: „Ich bin ein Berliner“. Heute seien wir wieder dazu aufgerufen. Die Deutschen hätten die Mauer am Brandenburger Tor geschleift. Von Kiew bis Kapstadt seien Gefängnisse geschlossen und die Türen zur Demokratie und zu Märkten geöffnet worden. „Wir haben ein gemeinsames Schicksal. Das hat uns das 20. Jahrhundert gezeigt.“ Das 21. lasse eine Welt erkennen,
„die mehr als je zuvor miteinander verwoben ist: Die Terroristen des 11. September planten in Hamburg und trainierten in Kandahar und Karatschi, bevor sie Tausende aus aller Welt auf amerikanischem Boden töteten. Während wir hier stehen, bringen Autos in Boston und Fabriken in Peking die Polkappen zum Schmelzen und lassen Farmen in Kansas und Kenia vertrocknen. Schlecht gesicherte Atomwaffen in Russland oder das Wissen von Experten in Pakistan können eine Atombombe in Paris zur Detonation bringen. Armut und Gewalt in Somalia und anderen Teilen der Welt gebären die Terroristen von morgen. Der Genozid in Darfur belastet unser aller Gewissen. Solche Tendenzen entwickeln sich schneller als die Gegenmaßnahmen. Keine einzige Nation, auch nicht die stärkste, kann allein gegen diese Herausforderung bestehen. Deshalb können wir es uns nicht mehr leisten, einander entfremdet zu sein.“
Treffender, kürzer, mutiger und prägnanter lassen sich die Probleme von heute nicht beschreiben wie auch die Widerstände, die uns daran hindern, ihnen zu begegnen: In Europa – so Obama - gebe „es zu viele Stimmen, die glauben, Amerika verkörpere all das, was mit uns schief gegangen ist“, und in Amerika meinten viele, „die Rolle Europas für unsere Sicherheit und Zukunft ins Lächerliche ziehen“ zu können. „Beide verkennen die Wahrheit. Fraglos werden Unterschiede bleiben. Aber die Bürde der Weltbürgerschaft bindet uns. Ein Wechsel in Washington genügt nicht. Von uns allen wird mehr erwartet, nicht weniger.“
So dürften Mauern zwischen Verbündeten nicht bestehen bleiben, ebensowenig die zwischen armen und reichen Ländern, Rassen und Stämmen, zwischen Einwohnern und Einwanderern, zwischen Christen, Moslems und Juden: „Das sind die heutigen Mauern, die wir niederreißen müssen.“
Spätestens an dieser Stelle wurde klar, warum Obama ursprünglich am Brandenburger Tor hatte sprechen wollen. Hier stand die Mauer, die nicht nur eine Stadt und ein Land, sondern einen Kontinent, ja die Welt trennte und an der es mehrfach zu Situationen gekommen war, die zu einem neuen Weltkrieg hätten führen können. „Mr. Gorbatschow, tare down the wall“, hatte Ronald Reagan am 12. Juni 1987 an dieser Stelle gefordert. Gut zwei Jahre später waren sie und der Staat ihrer Erbauer in sich zusammengefallen. Von hier aus sollte nun die Botschaft ausgehen, die heutigen Mauern zu beseitigen, die nicht weniger gefährlich sind.
Viele Kommentatoren haben das für anmaßend gehalten. Das aber geht am Kern der Sache vorbei. Ein Kandidat, der das mächtigste Amt der Welt anstrebt und somit den größten Einfluß auf ihr Geschick, hat das Recht, der Welt die Idee des Wechsels zu verkünden, und er hat auch das Recht, das an einer Stelle zu tun, an der eine Mauer eingerissen worden ist, die wie keine andere dem Wechsel entgegenstand. Theoretisch hätte der Kandidat die Möglichkeit gehabt, zusammen mit der Berliner Senat seine Absicht durchzusetzen. Er war klug genug, das nicht zu tun. Die Siegessäule war ein guter Ersatz, trotz der geschichtlichen Hypothek, die sie repräsentiert. Heute gewann sie eine neue Symbolik, die der Zuversicht,
„den Terrorismus zu besiegen und die Brunnen auszutrocknen, die ihn nähren. Die Bedrohung ist real. Vor ihr dürfen wir nicht zurückweichen. Wir haben die Nato gegründet und die Sowjetunion überwunden. Durch eine neue globale Partnerschaft können wir auch die Netzwerke entwaffnen, die in Madrid, Amman, London und Bali, Washington und New York zugeschlagen haben. Auch im Kampf gegen den Terror können wir erfolgreich sein Seite an Seite mit der großen Mehrheit der Moslems, die den Extremismus ablehnt.“
Doch dann kam die Mahnung, die in Europa weniger gern gehört wird. Entsprechend verhaltener war an dieser Stelle der sonst durchdringende Applaus. Niemand heiße den Krieg willkommen. Es gebe enorme Probleme in Afghanistan. „Aber unsere beiden Länder haben ein Kerninteresse daran, dass die erste Nato–Mission außerhalb Europas erfolgreich endet. Amerika kann das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre. Trotz früherer Differenzen ist dies der Augenblick, die Hoffnungen von Millionen Irakern auf Wiederaufbau ihres Lebens zu erfüllen, die Verantwortung der irakischen Regierung zu übergeben und den Krieg dort zu beenden.“
Dies sei der Augenblick, Atomwaffen nicht mehr weiterzuverbreiten, ihre Arsenale vergangener Epochen zu reduzieren, strahlendes Material sicherzustellen, ja, zu einer „Welt frei von Atomwaffen“ zu gelangen. Der Kandidat ließ keine Vision aus. Denn es gehe darum, den Planeten zu retten, unseren Kindern die Zukunft zurückzugeben, Treibhausgase zu reduzieren „mit derselben Ernsthaftigkeit, wie Ihr Land sie seit langem an den Tag legt.“
Zum Schluss die selbstkritische Anmerkung: Amerika sei nicht perfekt. Es habe seinen Anteil an Fehlern gemacht, und sein Handeln rund um die Welt habe gelegentlich nicht seinen besten Absichten entsprochen. Dennoch: „Ich liebe mein Land, wie Sie das Ihre; es ist die Zeit, fester zusammenzustehen denn je“.
Lang anhaltender Beifall, wann hatte ihn ein Amerikaner zuletzt in Deutschland erlebt? Kaum jemand rührte sich. Doch schließlich wollte ich raus, endlich wieder frei laufen können. Auch daraus wurde nichts. Nur zentimeterweise ging es vorwärts in Richtung Brandenburger Tor, obwohl die Polizei die Absperrung auf der Straße des 17. Juni aufgehoben hatte. Zeit zu reden über eine Rede. Alles nur hehre Versprechungen ohne Substanz? Freiheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit, ausgerechnet in Amerika? Einige schienen geneigt, die Rede als bloßen Wahlkampf abzutun.
Doch mein Fazit war und ist ein anderes:
Die Kritiker sollten es einen Augenblick lang für möglich halten, dass hier jemand auftritt, der es ernst meint. Die Menschen spüren das, anders sind die 200.000 Zuhörer vor der Siegessäule gar nicht zu erklären. So etwas kommt in der Weltgeschichte gelegentlich vor. Erinnert sei an Roosevelt, Churchill und John F. Kennedy. Ihre Wirksamkeit war nicht an ein Amt gebunden, und ihre Erfolge sind nicht nur an ihren Handlungen abzulesen, sondern auch an den Reaktionen ihrer Gegner. Schon heute hat Barack Obama mit seinem konsequenten Eintreten für den Wechsel mehr erreicht als so manche Konferenz und so mancher Vertrag: Selbst sein Gegenkandidat schließt eine Abkehr von der verhängnisvollen Bush – Politik nicht mehr aus. Gleichgültig, ob Obama zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird: Seine Botschaft, die zugleich Wahlkampf ist und zwecks Erringung der Macht sein muß, wird bleiben und Zeit zur Umsetzung benötigen: „All das“, so John F. Kennedy in seiner unvergessenen Antrittsrede vom Januar 1961 vor dem Kapitol in Washington, „werden wir nicht in den ersten 100 Tagen unserer Präsidentschaft verwirklichen können, zum Teil auch nicht in den ersten 1.000 Tagen, vielleicht nicht in unserem Leben. Aber lasst uns einen Anfang machen.“
Und der ist nötig, in den USA wie in unserem Land.
( Helmut Kynast )






